Ein Gelbschnabeltaucher am Bodensee

Gelbschnabeltaucher 2Y, 12.02.2012, Uttwil TG (Digiscope S. Trösch)

Zum Abschluss der monatlichen Wasservogelzählung auf der «Seetaucherstrecke» zwischen Münsterlingen und Uttwil gelang mir heute Sonntag, 12.02.2012, kurz nach 14:00 Uhr die Entdeckung eines GELBSCHNABELTAUCHERS (2. KJ) Gavia adamsii. Der sehr seltene Wintergast tauchte zusammen mit einem Prachttaucher Gavia arctica in etwa 250m Entfernung zum Schiffsteg Uttwil TG.  Mit dem ersten Blick durchs Fernglas sah ich zunächst einen sehr grossen Seetaucher und mit dem Fernrohr erkannte ich zweifelsfrei diese Art – eine persönliche Erstbeobachtung, der 7. Nachweis für das Bodenseegebiet (nach zuletzt 2002) und für die Schweiz erstmals wieder nach 1996 (MAUMARY et al.,  Die Vögel der Schweiz, 2007).

Gelbschnabeltaucher 2Y, 12.02.2012, Uttwil TG (Digiscope S. Trösch)

Auffällig waren der gelbliche und aufwärts gerichtete wuchtige Schabel, mit einem auffällig gewinkelten Unterschnabel. Neben dem bräunlich-verwaschenen Körper waren auch der helle Kopf, der dunkel verwaschene Ohrfleck und die helle Halshinterseite auffällig. Der Vogel tauchte jeweils mind. 100m (!) und entzog sich so fast der Beobachtung. Um 14:40 Uhr konnte ich den Vogel weiter nordwestlich vor dem 2km entfernten Kesswil beobachten und um 15:30 Uhr 3km seeabwärts vor Güttingen (zusammen mit Manuel Schweizer).

Möglicherweise handelt es sich um denselben Gelbschnabeltaucher, der sich vom 08. bis 10.02.2012 in Norditalien aufhielt. Der erkennbare Überbiss beim Schnabel ist auch auf einem Foto aus Italien zu sehen, siehe http://www.ornitho.it/index.php?m_id=54&mid=34251 (Dank an Stefan Werner für den Hinweis).

Gelbschnabeltaucher, 13.02.2012, Uttwil (Digiscope S. Trösch)
Gelbschnabeltaucher 2Y, 16.02.2012, Arbon TG (Digiscope S. Trösch)
Gelbschnabeltaucher 2Y, 18.02.2012, Arbon TG (Digiscope S. Trösch)

 

Gelbschnabeltaucher, 18.02.2012, Arbon (Videoclip von Stephan Trösch)

 


Die bisherigen Nachweise des Gelbschnabeltauchers in der Schweiz und am Bodensee:

2000
21.02. – 12.03.00, 1 Ind. 2.KJ, Gundholzen/Höri (S. Werner, S. Schuster, Ornith. Rundbrief für das Bodenseegebiet, Nr. 156/April 2000, unveröff.)

1996
07.01. – 21.021996, 1 Ind. 2.KJ, Bodman (S. Werner, F. Portala et al., in HEINE et al., Die Vögel des Bodenseegebietes, 1999)
07.04.1996, 1 Ind. 2.KJ, Güttingen TG (H. Klopfenstein in MAUMARY et al., Die Vögel der Schweiz, 2007)
23. – 26.06.1996, 1 ad. PK, Eriskircher Ried (G. Knötzsch, M. Hemprich, D. Koch, R. Ertel in HEINE et al., Die Vögel des Bodenseegebietes, 1999)

1994/1995
12.12.1994 – 28.02.1995, 1 juv., zwischen Landschlacht TG und Rorschach SG (H. Leuzinger in MAUMARY et al., 2007)

1982
24.01. – 09.03.1982, 1 Ind. 2.KJ, Eschenz TG, Öhningen BW und Mannenbach TG (HEINE et al., Die Vögel des Bodenseegebietes, 1999)

1976
25. – 29.02.1976, 1 Ind., Stockacher Aachmündung (HEINE et al., Die Vögel des Bodenseegebietes, 1999)

1973
02./06.12.1973, 1 Ind. 1.KJ, Rheinfelden AG (MAUMARY et al., 2007)


Die Schnabelformen der Seetaucher (aus PETERSON et al., Die Vögel Europas, 10. Aufl., 1973)

Überwinternde Grosse Brachvögel am Bodensee im Banne von Frost und Nahrungsdruck

Untersee mit Blick zur Reichenau, 04.02.2012 (Foto S. Trösch)

Am 01.02.2012 wurde das bis dahin recht milde Winterwetter abrupt durch nach Mitteleuropa einfliessende Polarluft abgelöst. Mit einem massiven Temperatursturz herrschen seither Temperaturen von -6° bis -16°C im Flachland, begleitet von einer starken, mit bis zu 7 Beaufort wehenden Bise. Die Eisbildung der Seeufer liess nicht lange auf sich warten . Mittlerweile sind schon auch Teile des Bodensees zugefroren, wie z. B. am Untersee, und die Böden sind weiterhin schneebedeckt sowie pickelhart gefroren. Dies sind ausgesprochen schlechte Zeiten für Vögel, insbesondere auch für jene Wintergäste, welche das Winterhalbjahr im sonst klimatisch gemässigten Bodenseeraum verbringen.

Grosser Brachvogel, 04.02.2012, Arbon TG (Foto S. Trösch)

Der Grosse Brachvogel z. B. hat in den letzten 50 Jahren parallel zur Klimaerwärmung als Wintergast am Bodensee wie auch an anderen Stellen in der Schweiz deutlich zugenommen. Dies wurde in den Jahren 1999-2003 mit einem bodenseeweiten Projekt mit wöchentlichen Zählungen an den Schlafplätzen des Brachvogels aufgezeigt.

Winterbestände Brachvogel Bodensee 1961 bis 2011

Derzeit verbringen jedes Jahr mehr als 1000 Brachvögel den Winter am Bodensee. Tagesplätze zur Nahrungssuche und Schlafplätze liegen meist in unmittelbarer Nähe, damit möglichst wenig Energie für weite Flugstrecken verbraucht wird.  Solche Orte liegen im Vorarlberger Rheindelta (mit bis zu 1200 Ind.), im Gebiet zwischen Arbon und Engach (grösster Schlafplatz der Schweiz mit bis zu 850 Ind.), im Ermatinger Becken/Wollmatinger Ried (mit bis zu 250 Ind.) und bei Moos-Iznang(mit bis zu 160 Ind.). Frost und Schneelagen beeinflussen das Verhalten der Brachvögel erheblich und erschweren die Nahrungssuche ganz massiv. Die Hauptnahrung der Brachvögel besteht aus Regenwürmern, die sich bei Frost in tiefere, selbst mit den langen Bogenschnäblen nicht mehr erreichbare Schichten zurückziehen.

Grosser Brachvogel, 04.02.2012, Arbon TG (Foto S. Trösch)

Der durch Frostphasen verursachte Nahrungsdruck führt Brachvogel oft in Siedlungsnähe, wo die etwas wärmere Umgebung besseren Zugang zu Nahrungsquellen verspricht. So hielten sich am 04.02.2012 bei Arbon TG rund 95 Brachvögel mitten in einem Wohnquartier auf einer Wiese auf. Als einzige Nahrung konnten kleine Beutestücke von 1-2 cm Länge beobachtet werden, wie erwartet aber keine Regenwürmer. Dabei könnte es sich um die Larven der Kohlschnake (Tipulidae spec.) handeln, wie sie als Nahrung in verschiedenen Untersuchungen ebenfalls nachgewiesen wurde oder auf dem nebenstehenden Foto vom 04.02.2012 bei Arbon TG möglich erscheint. Die Larven der 2. Generation überwintert im Boden (siehe Kohlschnake).

Grosser Brachvogel, 04.02.2012, Frasnacht TG (Foto S. Trösch)

Neben ausrreichenden Nahrungsquellen sind auchin der Nähe liegende, ruhige und geschützte Plätze wichtig, an denen die Brachvögel gemeinsam die Nacht verbringen können. Die traditionell bekanntesten Schlafplätze liegen im Bereich der Mündung des Alpenrheins in den Bodensee, im Ermatinger Becken und im Flachwasser zwischen Arbon und Egnach. Die Vögel stehen dabei im Flachwasser, nicht selten bis zum  Bauchgefieder im Wasser. Das Aufsuchen dieser Schlafplätze steht in Abhängigkeit vom Wasserstand. Bei einem Wasserstand von über 340cm (Pegel Konstanz) sind die meisten Flachfer überschwemmt und als Schlafplatz nicht benutzbar. Dasselbe geschieht auch bei einer Vereisung der Uferzonen, so, wie das im Moment der Fall ist. Aussergewöhnlich ist daher die Annahme der Eisfläche als Schlafplatz, wie das bereits in früheren Wintenr (z. B. 2003) bei Frasnacht-Egnach TG gesehen wurde. Am 04.02.2012 versammelten sich nach 17:15 Uhr 545 Grosse Brachvögel auf dem Eis bei Frasnacht, und dies bei Temperaturen um -8°C und einer sehr starken Bise von 4-6 Beaufort. Dabei kamen innerhalb einer Stunde kleinere und grössere Trupps von Westen und Osten tief angeflogen.

Grosser Brachvogel, 04.02.2012, Frasnacht TG (Foto S. Trösch)
Grosser Brachvogel, 04.02.2012, Frasnacht TG (Foto S. Trösch)
Grosser Brachvogel, 04.02.2012, Frasnacht TG (Foto S. Trösch)
Grosser Brachvogel, 04.02.2012, Frasnacht TG (Foto S. Trösch)
Grosser Brachvogel, 04.02.2012, Frasnacht TG (Foto S. Trösch)

Ein Krauskopfpelikan im Vorarlberger Rheindelta

Krauskopfpelikan – 2010-04-10 Rheindelta (Foto: © Hubert Salzgeber)

Am 10.04.2010 wurde um 14:00 Uhr durch Hubert Salzgeber im Vorarlberger Rheindelta beim Rheinspitz / Wetterwinkel ein Krauskopfpelikan Pelecanus crispus entdeckt. Wohl derselbe Vogel wurde um 15:20 Uhr von H.P. Wächter am Rheinspitz gesehen (Meldung in www.ornitho.ch als unbest. graue Gans mit Kommentar „Pelikan“. Der Krauskopfpelikan ist erst seit 12.4.10 in der Artenliste von ornitho.ch integriert). Der Vogel hielt sich danach in der Fussacher Bucht und gegen Abend ruhend auf der Sandbank beim Rohrspitz auf, wo er von weiteren lokalen Ornithologen beobachtet werden konnte. Diese in Südosteuropa und und Kleinasien beheimatete grösste Pelikanart Europas wurde 2006 in Deutschland nachgewiesen und Ende Februar 2010 zum ersten Mal in Österreich (Quelle: Club 300 Austria). Sollte es sich bei der jüngsten Beobachtung ebenfalls um einen Wildvogel handeln, wäre dies neben dem zweiten Nachweis in Österreich der erste gesicherte im Bodenseegebiet. Am 11.04.2010 wurde der seltene Gast im Rheindelta nicht mehr gesehen. Es ist durchaus möglich, dass er an anderen Orten am Bodensee (z. B. Ermatinger Becken) auftauchen kann. Für die Schweiz liegen noch keine Nachweise des Krauskopfpelikans vor. [Kleine Ergänzungen/Nachträge am 12.4.10 um 15:19h].

Krauskopfpelikan, Klingnauer Stausee, 13.04.2010 (Foto: P. Donini)
Krauskopfpelikan, Klingnauer Stausee, 13.04.2010 (Foto: P. Donini)

[Artikel-Nachtrag vom 13.04.2010, 13:40h] Der Krauskopfpelikan hält sich seit 12.04.10 auf dem Klingnauer Stausee AG auf und wurde auch am 13.04.10 gesehen. Gemäss Meldungen in ornitho.ch ist der Vogel nicht beringt, so dass es sich um einen Wildvogel handeln könnte.