Das Vorarlberger Rheindelta im Wandel der jüngeren Zeit

Die Mündung des Alpenrheins in den Bodensee bei Flusskilometer 94.5 | 01.08.2017, Foto Stephan Trösch

Ich weiss nicht, wieviele male ich das Vorarlberger Rheindelta am östlichen Bodensee seit meiner ersten Exkursion im Jahr 1970 schon besucht habe.  Wahrscheinlich sind es 400, 600 oder noch mehr Tage, die ich in meinem bisherigen Leben dort verbracht habe. Jedesmal fasziniert mich diese Landschaft aufs Neue – so auch auf meiner Exkursion am 01.08.2017, dem Schweizerischen Nationfalfeiertag. Denn nirgendwo im Bodenseegebiet und vielleicht auch im europäischen Binnenland findet sich wie hier im Rheindelta auf rund 15km2 Land- und Seefläche eine solche Biotopvielfalt mit z.B. (Rest-)Feuchtgebieten, Röhricht, Neu-Schilfbeständen, Auenwald und Resten von Streuwiesen.

Trotzdem ist es nicht mehr das gleiche Gebiet. Denn v.a. in den letzten sieben Jahrzehnten erlebte das Vorarlberger Rheindelta einen dramatischen Wandel; die unbändige Gewalt des Rheinstromes forderte seinen Tribut: Der Mensch versuchte (seit jeher), diese natürlichen Ur- und Naturkräfte des Wassers mit technisch-regulatorischen Massnahmen unter Kontrolle zu bringen, sollten die wiederkehrenden Hochwasser nicht länger Verwüstung und wirtschaftliche wie gesellschaftliche Ungemach bringen. Stichworte für diese bis heute andauernden Massnahmen sind: Vom Alten- zum Neuen Rhein (Fussacher Durchstich im Jahr 1900), Polderschutzdamm, Eindeichung, Melioration, Vorstreckung der Rheinmündung usw.). Zusammen mit einer stark zugenommenen Nutzung des Gebietes durch Freizeit (ganzjährig), Bootsverkehr und Landwirtschaft sowie mögliche Auswirkungen des sogenannten „Klimawandels“ sind die wahrscheinlich damit verbundenen Folgen beträchtlich. Zum Beispiel sind die in (Ried-)Wiesen brütenden Vogelarten inzwischen ganz verschwunden (z.B. Uferschnepfe, Braunkehlchen, Bekassine) oder sind am Rande des gebietsbezogenen Aussterbens (Grosser Brachvogel, Braunkehlchen, Grauammer, Wachtelkönig usw.).

Der Rheinkanal bei Flusskilometer 92.0 mit Blick gegen Süden | 01.08.2017, Foto Stephan Trösch

Nach langjährigen Bemühungen, z.B. seitens des Natur- und Vogelschutzes wurden rund 2’000 Hektaren des seenahnen Rheindeltas im Jahr 1976 per Verordnung unter Schutz gestellt. Davon entfallen rund 1/3 auf Land- und 2/3 auf Seefläche. 1995 erhielt das Gebiet den Status eines „Natura-2000-Gebiets“, wodurch es in die Schutzbestimmungen der EU eingebunden ist. (Quelle: Naturschutzverein Rheindelta). – Einen ausführlichen Abbriss der historischen Entwicklung des Rheindeltas findet sich im nachstehenden Dokument: Aschauer M. & Grabher M. (2010): Das Werden des Naturschutzgebietes Rheindelta. Ein historischer Abriss. UMG Berichte 3, UMG Umweltbüro Grabher, Bregenz, 4 S.

⇓ UMGberichte3_Geschichte_Naturschutzgebiet_Rheindelta

In den 1960 und 1970er Jahren brüteten in den Riedwiesen des Rheindelta z.B. noch Uferschnepfe, Grosser Brachvogel, Wachtelkönig und Braunkehlchen | Fussacher Ried, 22.07.2015, Foto Stephan Trösch

Ornithologisch „entdeckt“ wurde das Rheindelta erst in den späten 1950er Jahren, als eine Gruppe junger Schweizer Ornithologen begann, v.a. die Brutvögel der Riedgebiete systematisch zu erfassen. Die Ergebnisse der damaligen Kartierungen sind aus heutiger Sicht beeindruckend, hinterlassen aber auch eine Wehmut an vergangene Zeiten. Einer der Ornithologen aus der damaligen Jugendgruppe der Ala (Schweizerische Gesellschaft für Vogelkunde und Vogelschutz), der namhafte Beiträge und aussergewöhnliche Beobachtungen aus dem Rheindelta hinterliess, war Dr. Peter Willi †. Ihm und seinen Freunden war der avifaunistische „Wert“ des Vorarlberger Rheindeltas rasch bewusst. So veröffentlichte Peter Willi bereits im Jahr 1961 (im Alter von 21 Jahren) im „Der Ornithologische Beobachter“ seinen viel beachteten Artikel über „Die Brutvögel des Fussacher Riedes“. Der Autor wollte damit auf die Schutzwürdigkeit dieses Gebiets aufmerksam machen, angesichts des Dammes, der die Riede vom See abtrennte und der zwei fertig erstellten Pumpwerke, die bald begannen, die Riedwiesen zu entwässern. Tatsächlich war das bis dahin grösste Brutvorkommen des Wachtelkönigs in Mitteleuropa mit 60 (!) Revieren im Fussacher Ried nach vier Jahren erloschen. Durch die Absenkung des Grundwasserpegels entsprach das Habitat nicht mehr den Anforderungen für ein sicheres und erfolgreiches Brüten (WILLI 1985)¹. Das Dokument kann nachstehend als pdf-Datei heruntergeladen werden:

Die Vögel des Fussascher Riedes (in Der Ornith. Beobachter, 1961, 58:_35-43)

In den Wiesen des Fussacher Riedes brüteten noch bis in die 1980er Jahre bis zu einem dutzend Uferschnepfen. Heute ist diese Limikole auch als Durchzügler sehr selten geworden | 16.05.2010, Fussacher Ried, Foto Stephan Trösch

Rasch wurde eine grosse Schar vogelkundlich Interessierter auf das Rheindelta aufmerksam, das nicht nur wegen seiner landschaftlichen Vielfalt und Schönheit zu begeistern wusste, sondern vor allem wegen seinem Reichtum an Brutvögeln, Wintergästen und Durchzüglern. Auch die Entdeckungen von Seltenheiten durch Peter Willi, Vinzenz Blum und anderen in den 1960er bis 1980er Jahren liessen das Rheindelta zum Inbegriff eines Topgebiets aus ornithologischer Sicht werden. Wer sich heute aus vogelkundlichem Interesse mit dem Rheindelta „auseinandersetzt“ muss die jüngere Vergangenheit bis in die 1950/1960er Jahre miteinbeziehen. Vieles ist durch (notwändige?) Eingriffe des Menschen seither unwiederbringlich verloren gegangen, Neues, und „Anderes“ sind entstanden. Verschwundene Brutvogelarten sind aber nicht mehr zurückgekehrt. – Freuen wir uns über das, was noch ist und sich noch entwickeln mag sowie über die Möglichkeiten, immer noch hervorragende ornithologische Beobachtungen im Rheindelta machen zu können.

Die „innere Fussacher Bucht“ als Teil der Feuchtbiotope im Rheindelta. Hier wurden in früheren Jahren viele seltene Vogelarten entdeckt. Ein 2011 gebauter Steg ermöglicht den Besuchern ungeahnte Einblicke in das Refugium | 17.02.2014, Foto Stephan Trösch

Die Exkursion vom heutigen 1. August 2017 führte frühmorgens auf die rechte Rheindammseite bis zur Rheinmündung, am späteren Nachmittag dann auf die linke Rheinseite entlang des ehemaligen (heute verbuschten) Sanddeltas und um die Lagune herum. Ornithologisch ragten einige Limikolenarten (u.a. 1 Austernfischer) heraus und die kurze Beobachtung von 4 durchziehenden Brandseeschwalben.

Noch freier Lauf der Urgewalten: Die Mündung des Alpenrheins in den Bodensee am 24.10.1958 | Der rote Kreis markiert die Stelle des heutigen Parkplatzes „Sanddelta“ | Luftbildaufnahme mit Bewilligung von Swiss Topo (LUBIS).
Das Rheindelta am 14.06.2002 | Mit der Vorstreckung der Rheindämme um bis zu 5km in den Bodensee hinaus erhielt die Landschaft des Rheindeltas eine völlig neue Topografie | Der rote Kreis markiert wiederum den Parkplatz „Sanddelta“ | Luftbildaufnahme mit Bewilligung von Swiss Topo (LUBIS).

Mehr zum Thema in Shorebirder’s Blog:
Als die Dornbirner Ache noch durch Fussach floss (08.01.2011)

Vorschau: Mehr historische Bilder aus dem Vorarlberger Rheindelta gibt es demnächst in einem separaten Beitrag.

Quellen und empfohlene Websites zum Thema:
  Land Vorarlberg. Umwelt – Natur – Umweltschutz
  UMG Umweltbüro Grabher, Bregenz
  Naturschutzverein Rheindelta, Hard

Literatur zum Thema:
Internationale Rheinregulierung Rorschach (1992): Der Alpenrhein und seine Regulierung, , BuchsDruck und Verlag, Buchs
Land Vorarlberg, Bregenz (1996): Naturschutzgebiet Rheindelta. 20 Jahre Naturschutzgebiet Rheindelta. Konzeption und Text von Markus Grabher
Willi, P. (1985): Langfristige Bestandestaxierungen im Rheindelta. Egretta, 28:1-62
Würth Bruno (1991): Das Rheindelta, B. Würth & Hämmerle Druck & Verlag, Hohenems/A

Nachträge/Ergänzungen:
¹ 03.08.2017

Mauserplätze für Wasservögel am Bodensee: zum Beispiel Moos

Der Bodensee ist nicht nur ein wichtiges Überwinterungsgewässer sondern ist auch für mehrere Tausend Wasservögel Rückzugsgebiet während ihrer Mauser. An einigen der wenigen geschützten Stellen, wie z.B. an der Radolfzeller Aachmündung können Trupps mausernder Wasservögel gut beobachtet und studiert werden. Das schlichte Kleid der Enten steht jetzt im Gegensatz zum farbigen Prachtkleid. Die Bestimmung vieler Arten ist jetzt nicht selten eine Knacknuss. Erwähnt seien beispielsweise die Unterschiede zwischen schlichten Schnatter- und Stockenten. Teilnehmende an den Sommer-WVZ der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bodensee (OAB) müssen da sattelfest sein, wenn nicht nur die Bestimmung gelingen muss, sondern auch die Feststellung des Mauserzustandes. Nicht alle Wasservogelarten mausern zur selben Zeit. Das nachstehende Merkblatt gibt darüber Auskunft.

Mausererfassung-Merkblatt

Dieser Stockenten-Erpel ist im Moment nicht mehr flugfähig | Moos, Bodensee, Baden-Württemberg | 2017-07-12
Stockenten- oder Schnatterente ? – während der Mauserzeit eine kleine Knacknuss | Moos, Bodensee, Baden-Württemberg | 2017-07-12
Viele Blässhühner sind jetzt ab Mitte Juli in Schwingenmauser | Moos, 12.07.2017
Rostgans | Derzeit halten sich über 900 mausernde Individuen bei Moos auf. Eine neue Höchstzahl.

Im Wollmatinger Ried — Der «Gottlieberweg» lädt zum Verweilen und Beobachten ein.

Am Gottlieberweg im Wollmatinger Ried, 19.10.2010 (Foto S. Trösch)

Das grösste und bekannteste Naturschutzgebiet im Bodenseegebiet ist das Wollmatinger Ried. Es liegt westlich der Stadt Konstanz und erstreckt sich vom Stadtrand Konstanz rund 4 Kilometer in nordwestliche Richtung bis Hegne. Die Strasse zur Insel Reichenau mit ihrer markanten Pappelallee trennt das Gebiet zwischen dem Ermatinger Becken und dem Gnadensee mit der Hegnebucht. Das 767 ha grosse Naturschutzgebiet unterliegt strengen Schutzrichtlinien und kann nur unter fachkundiger Leitung besucht werden. Im Naturschutzzentrum Wollmatinger Ried, das im ehemaligen Bahnhof Reichenau untergebracht ist, finden BesucherInnen und Interessierte eine permanente Ausstellung über Fauna und Flora des Wollmatinger Riedes, das als Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung zählt und neben anderen Auszeichnungen 1968 auch das Europadiplom verliehen erhielt.


Tagpfauenauge am Gottlieberweg an einem Sonntag mit über 20°C, 03.04.2011 (Foto S. Trösch).

Wollmatinger Ried, Information beim Gottlieberweg (Foto S. Trösch)
Gottlieberweg mit morgendlichem Nebel, 03.04.2011 (Foto S. Trösch)
Gottlieberweg mit Morgennebel am 03.04.2011 (Foto S. Trösch)

Öffentlich zugänglich und einen guten Einblick in das Gebiet bietend ist der rund 1,2km lange, in SW-NE-Richtung verlaufende „Gottlieberweg“ mit Ausgangspunkt bei der Kläranlage Konstanz. Er führt entlang des Klärkanals und der Riedwiesen bis zum Seerhein gegenüber Gottlieben und kann sowohl bequem zu Fuss begangen als auch mit dem Fahrrad befahren werden. Mehrere farbige Informationstafeln entlang des Gottlieberweges klären Spaziergänger und an der Natur Interessierte über die Tier-, Vogel- und Pflanzenwelt im Ried auf. Sie fördern auch das Verständnis zur Entstehung des Wollmatinger Riedes mit seinen Besonderheiten.

Auskunft über öffentliche Führungen im Wollmatinger Ried geben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des NABU Zentrums Wollmatinger Ried.

NABU-Naturschutzzentrum Wollmatinger Ried
Kindlebildstr. 87, D-78479 Reichenau
Tel. +49 (0)7531 – 78870
Kontakt: NABU@NABU-Wollmatingerried.de

Öffnungszeiten
Mo – Fr: 9 – 12 Uhr und 14 – 17 Uhr.
Sa – So/Feiertag: 13.00 – 15:30 Uhr (April – September; nach Vereinbarung von Oktober bis März)
» NABU Naturschutzzentrum Wollmatinger Ried
» Beobachtungsinformationen für das WollmatingerRied (Birding Germany)
» Das Wollmatinger Ried in facebook
» Ausführliche Informationen zum Wollmatinger Ried in Wikipedia


Übersichtskarte des Wollmatinger Riedes und des Ermatinger Beckens (Quelle: map.geo.admin.ch)
1 = Ausgangspunkt zum Gottlieberweg bei der Klär- und Werkanlage Konstanz
2 = Gottlieberweg
3 = NABU Naturschutzzentrum Wollmatinger Ried im ehemaligen Bahnhof Reichenau
4 = Beobachtungsplattform auf der Ruine Schopflen, Reichenaudamm
5 = Beobachtungspunkt im Strandbad Triboltingen


Nahe des Gottlieberweges liegt ein künstlich angelegter Wiesenteich, der währen den Zugzeiten gerne von Limikolen aufgesucht wird. Die Informationstafeln beschreiben seinen Nutzen und Wirkung.

Schmucke und informative Wegweiser entlang des „Gottlieberweges“ im Wollmatinger Ried.

Regenbrachvogel, 03.04.2011, Wollmatinger Ried / Gottlieberweg (Foto S. Trösch)


Blick vom Gottlieberweg in die Riedwiesen mit Schottischen Hochlandrindern, 19.10.2010 (Foto S. Trösch)

Das Ermatinger Becken mit Blick zum Reichenaudamm mit der Ruine Schopflen in Bildmitte. Auf den Resten des mittelalterlichen Bauwerks wurde eine Beobachtungsplattform errichtet, die eine gute Sicht beidseits des Dammes bietet. Im Winterhalbjahr können von hier aus die eindrücklichen Wasservogelscharen oder die Schlafplätze vom Grossen Brachvogel und von Grossmöwen beobachtet werden (Foto S. Trösch, 26.12.2010).


Blick von der Beobachtungsplattform auf der Ruine Schopflen ins Ermatinger Becken und dem Wollmatinger Ried auf der linken Bildseite. In Bildmitte rechts der Thurgauer Seerücken oberhalb Ermatingen-Triboltingen (Foto S. Trösch, 18.12.2010).

Die Beobachtungsplattform auf der Ruine Schopflen bietet auch einen ausgezeichneten Blick in den Gnadensee mit der Hegnebucht im Vordergrund. In Bildmitte die Ortschaft Hegne mit dem Bodanrücken im Hintergrund. Zwei Informationstafeln auf der Plattform vermitteln Wissenswertes.