Im Wattenmeer Schleswig Holstein — eine ornithologische Reise berührt Körper, Seele und Geist

Alpenstrandläufer, 16.10.11, Nordstrand (Foto S. Trösch)

Die 1000km-Anreise mit dem Auto von Schaffhausen in den Norden Deutschlands ist schnell vergessen: atemberaubende Weiten, Wolkenvielfalt am hohen nordfriesischen Himmel, unglaublich gute vom Atlantik herangeführte Luft und das Wattenmeer im Wechsel der Gezeiten — wir sind sprachlos ob der Fülle, Farben und Formen, die uns auf unseren täglichen Exkursionen zwischen 11. und 19. Oktober 2011 berührt und beglückt haben. Natur und die hier lebenden Menschen wirken authentisch. Seit jeher stehen sie in enger, existenzieller Verbindung zueinander, im ständigen Bewusstsein, dass das Meer unverhofft über sie wieder hereinbrechen und die riesigen Deichanlagen mit ihren Schutzdämmen entlang der Küste versagen könnten. Wir begegnen freundlichen und wachsamen Menschen mit klarem Blick und schneller Sprache. Die Häuser, in denen sie leben, wohnen und arbeiten, sind sehr schmuck, in ihrer Gestalt ähnlich und voller Tradition. Der rote Backstein als Fassade dominant, im komplementären Wechselspiel zur grünen Landschaft wunderschön in sie hineinpassend und da und dort Reetdächer von vergangener Baukultur zeugend.

Unsere gewählte Basis auf der (ehemaligen) Insel Nordstrand (neben dem Beltringharder Koog) hat sich geografisch als sehr vorteilhaft erwiesen, die kleine 3-Zimmerwohnung bei der Gastgeberfamilie Hansen als Glücksfall (↑↑ Ferienwohnung Familie Hansen). Nur schon der erste  Blick aus unserer gemütlichen Gästewohnung in der Damm-Chaussee auf die nahen Felder lässt auch das ornithologisch berührte Herz höher schlagen, wenn über Tausend Goldregenpfeifer und Kiebitze sowie überhinfliegende Brachvögel und Weisswangengänse unser morgendliches Frühstück begleiten. Bei bestem Herbstwetter (mehrheitlich starke Winde aus westlicher Richtung mit 4-8 Beaufort und Temperaturen um bis zu 17°C, drei Tage mit Ostwind und frischen Temperaturen, gelegentlich etwas Regen) versuchten wir mit täglichen Exkursionen das Gebiet kennenzulernen und wagten uns auch auf Inseln (Helgoland, Amrum) vor. Unser Programm:

10.10.2011 – Anreise von Schaffhausen mit dem Auto und 2 Fahrrändern auf dem Dach
11.10.2011 – Nordstrand (Elisabeth-Sophien Koog, Morsum Koog, Hamburger Deich)
12.10.2011 – Beltringharder Koog, Hamburger Hallig
13.10.2011 – Heverstrom, St. Peter Ording, Westerhever
14.10.2011 – Helgoland (Überfahrt von Büsum aus)
15.10.2011 – Helgoland
16.10.2011 – Nordstrand,
17.10.2011 – Amrum
18.10.2011 – Nordstrand, Husum, Beltringharder Koog
19.10.2011 – Beltringharder Koog, Hauke-Haien Koog
20.10.2011 – Rückfahrt, 1000km, 11 Stunden

Goldregenpfeifer, Nordstrand, 11.10.11 (Foto S. Trösch)
Westerhever, St. Peter Ording, 13.10.11 (Foto S. Trösch)
Nordstrand, Fulehörn, 16.10.11 (Foto S. Trösch)
Weisswangengänse, 16.10.2011, Nordstrand (Foto S. Trösch)

Unser bisheriges ornithologisches Verständnis wurde angesichts der angetroffenen Vielfalt und Fülle durcheinandergebracht. Unsere Gewohnheit, Vögel in heimatlichen Gefilden einzeln, in Gruppen oder kleineren Schwärmen zählen zu können, blieb am Wattenmeer schon bald auf der Strecke. Wir lernten schnell in 50er oder 100er Einheiten zu schätzen, verbunden mit der Gewissheit, dass auf Grund der Distanzen oft nur ein Teil gesehen/erfasst werden konnte, viele (Klein-)Vögel auch unbestimmbar blieben.

Von rund 110 beobachteten Vogelarten waren die Kleinvögel eher spärlich vertreten, das Blässhuhn sahen wir erstmals am vorletzten Tag, umgekehrt waren Gänse, Kiebitze und Goldregenpfeifer allenorten präsent. Die Reise bescherte auch einige neue Vogelarten, wie z. B. Schwalbenmöwe, Skua (verletzter Vogel an der Küste Nordstrand), Ringelgans, Trottellumme, Ohrenlerche, Strandpieper und Berghänfling. Die vollständige Artenliste und der Exkursionsbericht kann demnächst hier heruntergeladen werden.

Nachstehend ein ausführlicher Bilderbogen dieser für uns aussergwöhnlichen Reise an die Nordsee. Siehe auch Direktlink in Flickr. Die Diashow kann bildfüllend gesehen werden. Bitte rechts unten in der Diashow das entsprechende Vergrösserungszeichen klicken und für die Bildlegende oben rechts auf „Info anzeigen“.

 

Extreme Schnee- und Frostverhältnisse machen den Wintergästen zu schaffen

Alpenstrandläufer, 25.12.2010, Moos (Foto S. Trösch)

Seit rund vier Wochen führt ein überaus harter Winter das Regime über Landschaft, Tier und Mensch. Die Bodenseeregion ist mit Temperaturen von bis zu -15°C betroffen, mit gefrorenen Böden und tief verschneiten Landschaften. Die Kälte hat inzwischen viele Uferstreifen und Flachwasserzonen des Bodensees zufrieren lassen. Zudem ist der Wasserstand rund einen halben Meter höher als in anderen Wintern (Pegel Konstanz am 28.12.2010 bei 323 cm), was für die überwinternden Wasservögel zusätzliche Probleme für die Nahrungssuche bedeutet. Das zunehmende Auftreten von Zwergsägern lässt auf einen weiterhin strengen Winter schliessen.

Singschwäne, 28.12.2010, Iznang (Foto S. Trösch)
Beobachtungen des Singschwans in der Schweiz per 28.12.2010 (Quelle: http://www.ornitho.ch)
Winterbeobachtungen des Grossen Brachvogels in der Schweiz per 28.12.2010 (Quelle: http://www.ornitho.ch)

Singschwäne weichen auffällig an verschiedene Bereiche des Sees aus, um an günstige Nahrungsquellen in noch wenig vereisten Flachwasserzonen zu kommen (siehe Bild von www.ornitho.ch). Für die überwinternden Limikolen, wie z. B. Alpenstrandläufer (siehe Bild oben) oder Grosse Brachvögel kann es kritisch werden. Im Gebiet um Moos-Radolfzell am westlichen Bodensee sind kaum noch Brachvögel an ihren Tagesplätzen zu sehen, während die Schlafplatzgesellschaft bei Egnach-Arbon am schweizerischen Obersee mit rund 800 Ind. (26.12.2010) weiterhin einen sehr hohen Bestand aufweist. Die seenahen Tagesplätze sind dort vor Weihnachten kurzfristig aufgetaut (20.12.2010), um danach – wie überall – wieder zu hart gefrorenen und schneebedeckten Böden zu werden. Unglaublich, wie es die Brachvögel trotzdem schaffen, im 20-30cm tiefen Schnee mit ihren Bogenschnäbeln an Regenwürmer zu kommen! Aktuell dürfte sich der Bestand an überwinternden Brachvögeln in der Schweiz und im Bodenseegebiet auf rund 1200-1300 Ind. belaufen!

Eistaucher, 22.12.2010, Arbon (S. Trösch)

Reichlich später als sonst wurde der erste Eistaucher in diesem Winter am Bodensee entdeckt (Arbon, 19.12.2010, S. Stricker). Der Vogel hält sich immer noch im Uferbereich vor Arbon TG auf. Auf der «Seetaucherstrecke» (zwischen Uttwil und Münsterlingen) halten sich derzeit etwa 20-30 Prachttaucher auf, rund ein dutzend Rothalstaucher und bis zu 9 Ohrentaucher (28.12.2010, S. Werner). Am Stephanstag sind die ersten Saat- und Blässgänse im Bodenseegebiet entdeckt worden (Vorarlberger Rheindelta, M. Lang), während eine Gruppe von 13 Zwergschwänen bereits seit dem November am Bodensee weilt. Der erwartete (und erhoffte) Einflug von Seidenschwänzen bleibt vorerst aus. Nach wenigen Einzelbeobachtungen in der Schweiz und einem Ind. am Seerhein bei Gottlieben TG am 21.12.2010 (S. Werner) gelang am 28.12.2010 auch im Rheindelta eine erste Sichtung (4 Ind. am Rohrspitz, M. Breier) sowie bei Dachsen SH einer (R. Brunschwiler). In Schaffhausen wurde dieser Tage ein völlig ausgehungerter Mäusebussard gegriffen (M. Roost, mündl.). Solche Ereignisse dürften in den nächsten Tagen bei unveränderter Witterungslage zunehmen.