Extreme Schnee- und Frostverhältnisse machen den Wintergästen zu schaffen

Alpenstrandläufer, 25.12.2010, Moos (Foto S. Trösch)

Seit rund vier Wochen führt ein überaus harter Winter das Regime über Landschaft, Tier und Mensch. Die Bodenseeregion ist mit Temperaturen von bis zu -15°C betroffen, mit gefrorenen Böden und tief verschneiten Landschaften. Die Kälte hat inzwischen viele Uferstreifen und Flachwasserzonen des Bodensees zufrieren lassen. Zudem ist der Wasserstand rund einen halben Meter höher als in anderen Wintern (Pegel Konstanz am 28.12.2010 bei 323 cm), was für die überwinternden Wasservögel zusätzliche Probleme für die Nahrungssuche bedeutet. Das zunehmende Auftreten von Zwergsägern lässt auf einen weiterhin strengen Winter schliessen.

Singschwäne, 28.12.2010, Iznang (Foto S. Trösch)
Beobachtungen des Singschwans in der Schweiz per 28.12.2010 (Quelle: http://www.ornitho.ch)
Winterbeobachtungen des Grossen Brachvogels in der Schweiz per 28.12.2010 (Quelle: http://www.ornitho.ch)

Singschwäne weichen auffällig an verschiedene Bereiche des Sees aus, um an günstige Nahrungsquellen in noch wenig vereisten Flachwasserzonen zu kommen (siehe Bild von www.ornitho.ch). Für die überwinternden Limikolen, wie z. B. Alpenstrandläufer (siehe Bild oben) oder Grosse Brachvögel kann es kritisch werden. Im Gebiet um Moos-Radolfzell am westlichen Bodensee sind kaum noch Brachvögel an ihren Tagesplätzen zu sehen, während die Schlafplatzgesellschaft bei Egnach-Arbon am schweizerischen Obersee mit rund 800 Ind. (26.12.2010) weiterhin einen sehr hohen Bestand aufweist. Die seenahen Tagesplätze sind dort vor Weihnachten kurzfristig aufgetaut (20.12.2010), um danach – wie überall – wieder zu hart gefrorenen und schneebedeckten Böden zu werden. Unglaublich, wie es die Brachvögel trotzdem schaffen, im 20-30cm tiefen Schnee mit ihren Bogenschnäbeln an Regenwürmer zu kommen! Aktuell dürfte sich der Bestand an überwinternden Brachvögeln in der Schweiz und im Bodenseegebiet auf rund 1200-1300 Ind. belaufen!

Eistaucher, 22.12.2010, Arbon (S. Trösch)

Reichlich später als sonst wurde der erste Eistaucher in diesem Winter am Bodensee entdeckt (Arbon, 19.12.2010, S. Stricker). Der Vogel hält sich immer noch im Uferbereich vor Arbon TG auf. Auf der «Seetaucherstrecke» (zwischen Uttwil und Münsterlingen) halten sich derzeit etwa 20-30 Prachttaucher auf, rund ein dutzend Rothalstaucher und bis zu 9 Ohrentaucher (28.12.2010, S. Werner). Am Stephanstag sind die ersten Saat- und Blässgänse im Bodenseegebiet entdeckt worden (Vorarlberger Rheindelta, M. Lang), während eine Gruppe von 13 Zwergschwänen bereits seit dem November am Bodensee weilt. Der erwartete (und erhoffte) Einflug von Seidenschwänzen bleibt vorerst aus. Nach wenigen Einzelbeobachtungen in der Schweiz und einem Ind. am Seerhein bei Gottlieben TG am 21.12.2010 (S. Werner) gelang am 28.12.2010 auch im Rheindelta eine erste Sichtung (4 Ind. am Rohrspitz, M. Breier) sowie bei Dachsen SH einer (R. Brunschwiler). In Schaffhausen wurde dieser Tage ein völlig ausgehungerter Mäusebussard gegriffen (M. Roost, mündl.). Solche Ereignisse dürften in den nächsten Tagen bei unveränderter Witterungslage zunehmen.

Abschluss der Wasservogelzählungen 2009/2010

Eistaucher, 18.04.2010, Kesswil (Foto S. Trösch)

Am heutigen Sonntag, 18.04.2010, wurden am ganzen Bodensee zum letzten Mal in der Saison 2009/2010 die Wasservögel gezählt. Mein Zählgebiet liegt zwischen Uttwil und Münsterlingen, am schweizerischen Obersee, unter Ornithologen auch bekannt als die „Seetaucherstrecke“. Angesichts der günstigen Wetterlage und dem erwarteten Bootsverkehr war ich bereits nach sieben Uhr im Gebiet, das sich nun ohne die winterlichen Vogelmassen (v. a. Blässhühner, Reiher- und Tafelenten) präsentierte. Interessanterweise waren rund 650 Haubentaucher auf der Zählstrecke, jedoch zu 95% über einen Kilometer weit draussen auf dem See. Vor den Schilfzonen waren nur wenige balzende Paare zu sehen. Zwischen Güttingen und Uttwil hielten sich noch 29 Prachttaucher auf, die meisten im Prachtkleid. Auch von den mind. 3 überwinternden Eistauchern waren heute 2 immat. zu sehen, für einmal in günstiger Distanz für das Digiscoping. Die nächste Zählsaison beginnt im September 2010.

Ortolan, 18.04.2010, Kesswil (Foto S. Trösch)

Auffällig waren am Seeufer bei Kesswil ein Trupp von mind. 60 Schafstelzen (M.f.flava) sowie als kleine Überraschung an gleicher Stelle 4 Ortolane. Auf dem Heimweg suchte ich noch einige Äcker ab und entdeckte tatsächlich zwischen Güttingen und Kesswil einen Brachpieper und einen Steinschmätzer. Mein erster Frühlingsbesuch im Wollmatinger Ried bescherte mir einen Baumfalken und eine 2Y Kornweihe, ferner auch je einen singenden Schilfrohrsänger, Rohrschwirl und Grauspecht. Im Ermatinger Becken waren mind. 17 Grünschenkel, 1 Regenbrachvogel und 32 Grosse Brachvögel zu sehen.

Den angenehmen und recht milden Frühlingstag schloss ich mit einem Besuch der Radolfzeller Aachmündung bei Moos ab. Einige Limikolen, wie 9 Grünschenkel, 1 Rotschenkel, 2 Bruchwasserläufer, 1 Waldwasserläufer, 1 Kampfläufer und 3 Flussregenpfeifer, waren anwesend sowie ein Blaukehlchen, das sich leider nur kurz am Schilfrand zeigte.