Region Schaffhausen — Auftakt zum Vogelzug

Weissstörche, 03.03.2012, Neuhausen a.Rhf. (Foto S. Trösch)

Erfahrungen in den letzten Jahres haben es aufgezeigt: die Region Schaffhausen liegt an einer markanten Vogelzugstrasse, nicht zuletzt dank eines von der Ornithologischen Arbeitsgruppe Schaffhausen (OAS) organisierten Vogelzugprojektes im Jahre 2005 (Konzept und Ergebnisse können als pdf-Datei nachstehend heruntergeladen werden (1,5 Mb): ↓↓ Ergebnisse Vogelzug- Pilotprojekt Herbst 2005). Seither gibt es alljährlich im Frühjahr und Herbst Tage, wo von einem der möglichen guten Beobachtungsstandorte aus der Vogelzug erfasst wird, mit z. T. beachtlichen und spektakulären Resultaten, besonders bei Ringeltauben (max. 45’000 Ind. !), Mäuse- und Wespenbussarden, Korn-, Rohr- und Wiesenweihen, Rot- und Schwarzmilan sowie Weiss- und Schwarzstörchen. Der Kleinvogelzug verläuft auf breiter Front und macht sich deshalb an den einzelnen Orten nur ausnahmsweise stark spürbar, z. B. bei Buchfink (max. mehrere 10’000 Ind.).

Galgenbuck (roter Punkt), Neuhausen a.Rhf. (Quelle:map.geo.admin.ch)

Am Samstag, 03.03.2011, begab ich mich spontan am späten Vormittag auf den „Galgenbuck“ bei Neuhauen am Rheinfall, einem auf 500m ü. M. gelegenen Punkt, von dem nahezu ein Rundblick von 360° besteht. Er ist leicht auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Bis 11:00 Uhr lag immer noch dichter Bodennebel, der sich dann zögerlich auflöste, v.a. in NW-Richtung. Prompt setzte der sichtbare Vogelzug ein, mit ersten Mäusebussarden, die einzeln oder in kleinen Grüppchen von der Nordflanke des Südrandens kommend, an Beringen vorbei über die Enge und Breite Schaffhausen Richtung NO zogen. Der Himmel zeigte sich zunehmend blau, während über der Stadt Schaffhausen und dem Horizont im SO ein Dunstschleier lag.

Galgenbuck, Neuhausen a.Rhf., 03.03.2012 (Foto S. Trösch)

Ich stellte mein Fernrohr auf der Westseite des Galgenbucks auf, wo die anfliegenden Vögel frühzeitig erfasst werden können. Der Blick Richtung Norden führt zu den westlichen Gebieten des schaffhauser Randens (900m), über den Südranden im Westen (560m) und über Neuhausen am Rheinfall hinaus Richtung zürcher Weinland und dem in der Zugachse liegenden Lauf des Hochrheins. An diesem Punkt blieb ich bis 16:30 Uhr. Die Sonne schien angenehm warm bis 16°C und der stahlblaue Himmel zeigte teilweise phantastische Wolkenbilder, neben den vielen von Passagierflugzeugen verursachten Kondensstreifen. Ich genoss den Tag und wurde auch durch von den neuhauser Kirchenglocken wunderbar in meiner Seelentiefe berührt. Ab 15:00 Uhr wurde aus Westen zunehmend dichtere Wolken herangeführt. Der Vogelzug spielte sich an diesem Tag ausschliesslich nördlich des Galgenbucks ab, mit folgenden Ergebnissen:

25 Weissstörchen (drei Gruppen zu 13 + 3 + 9 Ind., siehe Foto)
25 Rotmilane
1 Kornweihe (Weibchen)
4 Sperber
171 Mäusebussarde
20 Kiebitzen
405 Ringeltauben
3 Feldlerchen
9 Heidelerchen (davon 8 Ind. kurz auf dem Galgenbuck rastend)
7 Misteldrosseln
11 Saatkrähen
300 Buchfinken

Lokal zeigten sich u.a.: 2 Habichte,revieranzeigende Rotmilane und Mäusebussarde, 1 Wanderfalke, Grün- und Buntspecht, Amsel, Singdrossel, Haubenmeise, Tannenmeise, Dohle, Kolkrabe, Bergfink, Kernbeisser und Goldammer.

Zum Thema siehe auch folgenden früheren Artikel in meinem Blog: 17.03.2010 – Erste ziehende Schwarzstörche über Schaffhausen

Landschaftlich ist die Gegend beim Galgenbuck reizvoll und an diesem Tag auch spannend durch seine Kunstwerke und Kunststücke am Himmel
(Dank an Fabienne Muriset für die Wolkenbestimmung, http://www.facebook.com/fotometeo.ch)

Cirrus fibratus vertebratus, 03.03.2012, Neuhausen a.Rhf. (Foto S. Trösch)
Cirrocumulus, 03.03.2012, Neuhausen a.Rhf. (Foto S. Trösch)
Kunststück von zwei Passagierflugzeugen, 03.03.2012 (Foto S. Trösch)

Bodensee: kaum Rastplätze für ziehende Limikolen

Keine Rastplätze im Rheindelta am rechten Damm (S. Trösch)

Vom Freitag, 13.08. bis Sonntag, 15.08.2010 erlebte ich wieder einmal eine Rheindeltaexkursion vom Feinsten. Die Wetterentwicklung mit einem Mix aus Sonne und stärkeren Regenschauern, insbesondere vom Samstag auf Sonntag, liess einen stärkeren Tageszug bei Kleinvögeln und Limikolen erwarten. Allerdings stand der Wasserstand des Bodensees auf einer Höhe, wo es in allen Seeteilen kaum Rastplätze mit Schlick- und Sandflächen gab. Mit der Pegelmarke von 440cm (Konstanz 15.08.2010) lag der Wasserstand rund einen halben Meter über dem langjährigen Mittel. Am ehesten wären noch im Vorarlberger Rheindelta Rastplätze zu erwarten gewesen, da z. B. das Ermatinger Becken (Untersee) bereits ab einer Pegelmarke von etwa 340cm keine freien Schlickflächen mehr hat, im Rheindelta ab etwa 420cm. Dort stand das Vorland beim Rheinkanal unter Wasser, geeignet für Wasserläufer, nicht aber für Strandläufer und andere.

Wasserstand des Bodensees (Pegel Konstanz)

Eine sorgfältige Begehung des Sanddeltas (zusammen mit F. Ammann, B. Bürgi und I. Haffter) von rund sechs Stunden  am Samstagvormittag brachte über 50 Vogelarten hervor. Auffällig die rund 8 Klappergrasmücken, welche durch ihre Warnrufe in Büschen auf sich aufmerksam machten. Neben sehr vielen Teichrohrsängern, Zilpzalpen und einzelnen Fitissen zeigte sich in der Lagune auch ein Schilfrohrsänger. Prächtig präsentierten sich zwei Zwergdommeln (♂ und ♀)  am Schilfrand und zuvor flog ein immaturer Nachtreiher zum Sanddelta. Neben einem Rotschenkel, 2 Grünschenkel, Wald- und Bruchwasserläufer war dann ein Steinwälzer auf einem Seeschwalbenbrutloss in der Lagune ein Lichtblick an diesem sonnigen Tag. Auf dem Weg zurück überraschten 3 Raubseeschwalben, die um die Mittagszeit dem Rheinkanal folgend Richtung Süden flogen.

Raubseeschwalbe, 15.08.2010, Rheindelta (S. Trösch)

In der Nacht auf Sonntag gab es überall verbreitet Regen; es wurde gebietsweise vor hochgehenden Bächen und Flüssen, teilweise sogar vor Überschwemmungen gewarnt. Im östlichen Bodenseegebiet schien dies nicht der Fall gewesen zu sein. Der Sonntagmorgen zeigte sich bedeckt und regnerisch, als ich mit dem Fahrrad bereits um 06:30 Uhr dem linken Rheindamm entlang radelte. Die morgendliche Frische – allerdings noch ohne Kaffee im Bauch – tat gut und ich hatte ein gutes Gefühl für diesen Tag. Der Steinwälzer war immer noch in der Lagune zu sehen und schon hörte ich von weitem Grünschenkel rufen. Um 06:50 Uhr kam ein Trupp (8 Ind.)  von der Rheinmündung her angeflogen, darunter waren auch ein Rotschenkel, 2 Kampfläufer und wie sich später überraschend zeigte auch eine Pfuhlschnepfe. Lange kreisten die Limikolen im Gebiet auf der Suche nach einem günstigen Landeplatz. Um 06:55 Uhr hörte ich die Rufe von Sandregenpfeifern und sah alsbald eine Gruppe von 12 Ind. dem Rheinkanal entlang südwärts fliegen. Neben Waldwasser- und einer Gruppe Bruchwasserläufern, einer Bekassine und einem überhinfliegenden Dunklen Wasserläufer freute ich mich über 11 Alpenstrandläufer, die im Gebiet auftauchten und um 08:20 Uhr dann v. a. über 5 hoch fliegende und rufende Kiebitzregenpfeifer (um 11:45 Uhr dann nochmals einer). Ich war restlos begeistert, an diesem trüben Morgen 14 Limikolenarten beobachten zu können.

Rheindelta, rechter Damm bei Km 93.6 (S. Trösch)

Nach einem stärkenden Frühstück in Höchst fuhr ich mich dem Fahrrad vom Schleienloch den rechten Damm vor bis Km 93.6. Dort war Schluss, weil der Wasserstand die seeseitige kleine Lagune mit dem Rheinkanal verband. Die Furt war nur etwa 30cm tief, doch wollte ich die an der Mündung ruhenden Möwen nicht stören. Mittlerweile hatte der Wind von SE auf SW gedreht und frischte mit böigen 4-6 Beaufort auf. Ich stand ganz vorne bei der Furt, hörte wiederholt Grünschenkel, gelegentlich flitzte ein Alpenstrandläufer und ein Sandregenpfeifer vorbei. Von Norden flogen 4 weitere Grünschenkel an, einzelne Bruchwasserläufer und auch 2 Regenbrachvögel. Plötzlich flog eine Raubseeschwalbe fast unbemerkt an mir vorbei, ihr folgten noch zwei andere, später noch ein 4. Ind. Gelegentlich jagten sie am Rheinkanal oder seeseits in der kleinen Lagune, wiederholt ruhten sie unter einem Trupp Mittelmeermöwen an der Rheinmündung. Der SW-Wind schien an Stärke zuzulegen und an den Hängen zwischen Walzenhausen und Heiden sah es bedrohlich dunkel aus. Es blieb bei kurzen Schauern.

Plötzlich tauchte eine Gruppe mit rund 30 Trauerseeschwalben auf, die um 13:10 Uhr von Westen angeflogen kamen und Richtung Bregenzer Bucht abdrehten. Eine knappe Stunde später flogen auf einmal rund 150 Trauerseeschwalben in mehreren „Wellen“ von Norden an und zogen über den Rheinkanal Richtung Fussacher Bucht. Um 15:30 Uhr beendete ich meine dreitägige Rheindeltaexkursion und freute mich über das Erlebte und Gesehene (z. B. 16 Limikolenarten). Auf dem Heimweg sah ich bei Güttingen noch 4 juvenile Schwarzkopfmöwen. Weitere Beobachtungen unter www.ornitho.ch.

» Bodensepegel Konstanz

Trauerseeschwalben, 15.08.2010, Rheindelta (S. Trösch)
Trauerseeschwalben, 15.08.2010, Rheindelta (S. Trösch)
Trauerseeschwalben, 15.08.2010, Rheindelta (S. Trösch)

Vogelzug-Stau nach Wetterumschlag

Rotschenkel, 29.4.10, Rheindelta (Foto: S. Trösch)

Wunderschöne Frühlingstage mit sommerlichen Temperaturen wurden am 30.04.2010 abrupt von einem Kälteeinbruch mit Dauerregen abgelöst. Interessante Vogelbeobachtungen liessen nicht lange auf sicht warten, so wie dies bei solchen Wetterumschlägen sehr oft der Fall ist. Am 01.05.10 wurden auf dem Zellersee bei Moos 6 Weissflügel-Seeschwalben entdeckt, 3 Säbelschnäbler waren weiterhin an der Radolfzeller Aachmündung zu sehen und im Ermatingerbecken rasteten über 150 Kampfläufer, 1 Seeregenpfeifer, gegen 50 Bruchwasserläufer und 4 Küstenseeschwalben*. Interessante Limikolenzahlen wurden auch aus dem Eriskircher Ried gemeldet, z. B. 2 Säbelschnäbler und 5 Temminckstrandläufer. Aus dem Vorarlberger Rheindelta gab es bereits am 29.04.10, also am Tag vor dem Wetterumschwung, interessante Beobachtungen mit z.B. 1 Wiesenweihe, 1 Fischadler, 1 Kiebitzregenpfeifer, 7 Weissbartseeschwalben, 1 Raubseeschwalbe, ~6 Rotkehlpieper und gegen 80 Schafstelzen, dann am 01.05.10 ~100 (!) rastende Steinschmätzer, ~200 Schafstelzen, 2 Temminckstrandläufer, 1 Raubseeschwalbe, 2 Weissbartseeschwalben und 7 Rotkehlpieper.

Grünschenkel, 29.4.10, Rheindelta (Foto: S. Trösch)

Heute 02.05.10 bei Dauerregen und Temperaturen um 10°C waren die 3 Säbelschnäbler an der Radolfzeller Aachmündung immer noch anwsesend, im Ermatinger Becken ruhten mind. 72 Zwergmöwen (60 ad. + 12 2Y) auf dem Schlick und in den Riedwiesen suchten 22 Braunkehlchen auf einer Viehweide nach Nahrung (Beobachtungsangaben aus meinem persönlichen Tagebuch und aus www.ornitho.ch, Meldungen mit einem * vorbehaltlich der Anerkennung durch die zuständige Avifaun. Kommission).